Joachim Bonack mit dem THW-Ehrenzeichen in Silber ausgezeichnet
Am 7. Juli 2026 war es auf dem Hof des THW-Ortsverbandes Berlin Steglitz-Zehlendorf ungewöhnlich ruhig. Kein Einsatzbetrieb, keine Fahrzeuge, die im Minutentakt das Gelände verließen. Stattdessen roch es in der Gallwitzallee nach Gegrilltem. Auf den Tischen standen Salate, in großen Truhen wartete das Eis. Einsatzkräfte, Angehörige und Gäste saßen zusammen. Es wurde gegessen, geredet und viel gelacht. Eigentlich ganz einfache Dinge. In einem großen Ortsverband bleibt dafür aber oft erst dann Zeit, wenn Fahrzeuge und Gerät einmal für ein paar Stunden in den Hallen stehen dürfen.



Das Sommerfest war lange vorbereitet worden. Wer solche Abende kennt, weiß, wie viel Arbeit darin steckt. Tische und Bänke müssen aufgebaut, Getränke gekühlt, Salate mitgebracht und der Grill besetzt werden. Später muss auch alles wieder weggeräumt werden. Viele übernehmen einen kleinen Teil. Genau das macht am Ende den Unterschied. Unter den Gästen war Kathrin Bolz, Leiterin des Leitungsstabes des THW, die aus Bonn nach Berlin gekommen war. Auch die Landesbeauftragte für Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, Dr. Monika Lüke, sowie der Leiter der Regionalstelle, Enrico Löwe, nahmen an dem Fest teil.
Natürlich war ihr Besuch auch ein Zeichen der Wertschätzung für die vielen ehrenamtlichen Einsatzkräfte des Ortsverbandes. An diesem Abend galt die Aufmerksamkeit aber vor allem einem Mann, dessen Geschichte im THW weiter zurückreicht als das Dienstleben fast aller Anwesenden.
Joachim Bonack wurde mit dem THW-Ehrenzeichen in Silber ausgezeichnet.
Der Zeitpunkt passte. Denn das Jahr hatte den Einsatzkräften aus Steglitz-Zehlendorf bereits einiges abverlangt. Schon Anfang Januar fiel im Berliner Südwesten etwas aus, das eine Großstadt für selbstverständlich hält: der Strom. Nach einem vorsätzlich gelegten Brand an einer Kabelbrücke waren Zehntausende Haushalte und mehr als 2.000 Gewerbebetriebe von der regulären Versorgung abgeschnitten. Heizungen funktionierten nicht mehr, Kommunikationswege fielen teilweise aus, Teile der öffentlichen Infrastruktur waren nur eingeschränkt nutzbar. Aus einer technischen Störung wurde innerhalb kurzer Zeit eine Lage, die den gesamten Bezirk betraf. Der Ortsverband in Lankwitz diente dabei als zentraler Bereitstellungsraum. Von hier aus wurden Einsatzkräfte, Fahrzeuge, Material und Netzersatzanlagen in das Schadensgebiet geschickt. Wer an diesen Tagen über den Hof ging, sah, was Bevölkerungsschutz in der Praxis bedeutet: ankommende Einheiten, Tankfahrzeuge, Lagebesprechungen, Schichtwechsel und Technik, die möglichst ohne Unterbrechung funktionieren musste.
Auch nach diesem Einsatz wurde es nicht wirklich ruhig. Mehr als 35 Einsatzkräfte besuchten das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Dahlem. Dort ging es nicht um eingestürzte Häuser oder überflutete Keller, sondern um Akten, Urkunden und historische Pläne. Um das Gedächtnis eines Landes also – und um die Frage, was davon nach einem Brand, einem Wasserschaden oder einem Gebäudeeinsturz noch gerettet werden könnte. 21 Einsatzkräfte nahmen außerdem am Crashtest 2026 der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin teil. Wissenschaftler untersuchten dort Fahrzeugstrukturen, Belastungen und Unfallfolgen. Für die Helferinnen und Helfer war es die seltene Gelegenheit, genau zu sehen, was innerhalb von Sekundenbruchteilen passiert, lange bevor Feuerwehr, Rettungsdienst oder THW an einer Unfallstelle eintreffen.
Das Sommerfest war deshalb mehr als nur ein geselliger Abend. Es war eine kurze Pause nach arbeitsreichen Monaten. Und mittendrin stand Joachim Bonack.




Berlin, 1961
Was erzählt eine Jahreszahl wie 1961 heute noch? Für viele jüngere Menschen ist sie Teil des Geschichtsunterrichts. Schwarz-Weiß-Bilder, Stacheldraht, Grenzsoldaten, die Berliner Mauer. Für Joachim Bonack war das keine ferne Geschichte. Es war die Welt, in der er als junger Mann lebte. Als er 1961 mit 21 Jahren in den damaligen Ortsverband Steglitz eintrat, bestand das Technische Hilfswerk erst seit elf Jahren. Die Bundesrepublik war noch jung. Der Zweite Weltkrieg lag gerade einmal 16 Jahre zurück, seine Folgen waren in den Städten und in vielen Familien weiterhin sichtbar. Gleichzeitig verschärfte sich der Kalte Krieg.
Berlin stand im Zentrum dieser Auseinandersetzung. In der Nacht zum 13. August 1961 ließen die Verantwortlichen der DDR die Sektorengrenze abriegeln. Stacheldraht wurde ausgerollt, Straßen wurden gesperrt, Bahnverbindungen unterbrochen. Familien, Freunde und Arbeitskollegen fanden sich plötzlich auf verschiedenen Seiten einer Grenze wieder. Aus den ersten provisorischen Sperren entstand die Berliner Mauer.
Mehr als 28 Jahre sollte sie die Stadt teilen. In dieser Zeit begann Joachim Bonacks Weg im THW. Zwei Jahre nach seinem Eintritt nahm er auch seine hauptamtliche Tätigkeit auf: zunächst als Kraftfahrer und Gerätewart, später als Bürosachbearbeiter für Ausstattung. Bis 1999 arbeitete er hauptamtlich für die Bundesanstalt. Gleichzeitig blieb er ehrenamtliche Einsatzkraft. Über die folgenden Jahrzehnte veränderte sich beinahe alles. Die politische Ordnung. Die Fahrzeuge. Die Ausstattung. Die Einsatzkonzepte und natürlich auch die Verwaltung. Selbst der Name seines Ortsverbandes blieb nicht derselbe. Aus dem Ortsverband Steglitz wurde zunächst der Bezirksverband Steglitz, später erneut der Ortsverband Steglitz und schließlich der heutige THW-Ortsverband Berlin Steglitz-Zehlendorf. Kaum hatte man sich an eine Bezeichnung gewöhnt, dürfte schon die nächste auf den Briefköpfen gestanden haben. Joachim Bonack kannte sie alle. Und vermutlich wusste er nicht nur, wann welcher Name galt, sondern auch, in welchem Ordner der entsprechende Vorgang zu finden war.
Schon früh bildete er sich für den Einsatzdienst weiter. 1963 absolvierte er einen Atemschutzlehrgang. Im folgenden Jahr kamen die Sprechfunkausbildung und der Abschluss der Grundausbildung hinzu. Später besuchte er Lehrgänge im Schweißen, im Kraftfahrwesen und im Fahren auf dem Wasser. Dafür führten ihn seine Wege auch zu den THW-Ausbildungsstätten in Hoya und Ahrweiler. Fortbildung war für ihn nie bloß eine Formalität. Das klingt zunächst wenig spektakulär. Doch Einsatzbereitschaft entsteht nicht allein aus Hilfsbereitschaft und guten Absichten. Sie muss immer wieder erarbeitet werden. Durch Ausbildung. Durch Übung. Und durch die Bereitschaft, auch nach vielen Jahren noch etwas Neues zu lernen.
Goma, 1995
1995 führte Joachim Bonacks Weg nach Goma im damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Auch dieses Jahr wirkt für viele Jüngere heute beinahe wie eine andere Epoche. Deutschland war erst seit fünf Jahren wiedervereinigt. Bezahlt wurde in D-Mark. Parlament und Bundesregierung arbeiteten noch überwiegend in Bonn. Mobiltelefone waren teuer und keineswegs selbstverständlich. Das Internet spielte im Alltag der meisten Menschen praktisch keine Rolle. In Europa herrschte nach dem Ende des Kalten Krieges eine gewisse Zuversicht. Die großen politischen Gegensätze schienen überwunden. Man sprach von einer neuen Weltordnung.
Mehr als 6.000 Kilometer entfernt sah die Wirklichkeit anders aus. Nach dem Völkermord in Ruanda waren im Juli 1994 innerhalb weniger Tage etwa eine Million Menschen in den Osten Zaires geflohen. Rund um Goma entstanden riesige Lager. Es fehlte an sauberem Wasser, Lebensmitteln, Medikamenten und sanitären Einrichtungen. Cholera, Ruhr und andere Krankheiten breiteten sich aus. Zehntausende starben. Auch 1995 blieb die Region von Flucht, Gewalt und einer kaum zu bewältigenden humanitären Lage geprägt.
Joachim Bonack arbeitete dort als Kraftfahrzeugmechaniker in der Zentralwerkstatt. Das klingt vielleicht zunächst weniger dramatisch als Rettung oder Bergung. Aber was passiert in einem solchen Gebiet, wenn ein Lastwagen ausfällt? Dann kommen Wasser, Lebensmittel oder Material womöglich nicht mehr dort an, wo sie dringend gebraucht werden. Ein defektes Fahrzeug ist unter diesen Bedingungen nicht einfach nur ein technisches Problem. Es kann eine ganze Versorgungskette unterbrechen. Einen Kundendienst konnte man nicht anrufen. Ersatzteile trafen auch nicht am nächsten Vormittag ein. Repariert wurde mit dem, was vorhanden war. Manchmal ersetzte Erfahrung das fehlende Bauteil. Manchmal musste improvisiert werden.
Charles de Gaulle schrieb einmal: „Face à l’événement, c’est à soi-même que recourt l’homme de caractère.“ Sinngemäß: Angesichts des Ereignisses greift der Mensch von Charakter auf sich selbst zurück. Das klingt zunächst ziemlich groß. In der Realität zeigt sich Charakter aber oft in kleinen, sehr sachlichen Dingen. In einem Motor, der nach einer Reparatur wieder anspringt. In einem Fahrzeug, das am nächsten Morgen erneut beladen werden kann. Und in einem Mechaniker, auf den man sich auch unter schwierigen Bedingungen verlassen kann.
Vom Wasser zurück nach Steglitz
Nach dem Ende seiner hauptamtlichen Tätigkeit wechselte Joachim Bonack zunächst zum Ortsverband Spandau. Dort war er von 2001 bis 2008 als Helfer tätig. Der Ruhestand brachte zugleich mehr Zeit für eine andere Leidenschaft. Gemeinsam mit seiner Frau Erika war er häufig auf dem eigenen Boot unterwegs. Der ausgebildete Bootsführer blieb dem Wasser also treu – diesmal ohne Einsatzauftrag und wahrscheinlich auch mit etwas weniger Papierarbeit. Ganz vom THW trennen konnte oder wollte er sich jedoch nicht. 2012 wechselte er aus der Reserve wieder in den aktiven Dienst. Zurück in Steglitz übernahm er im OV-Stab als Schirrmeister Verantwortung für den Fuhrpark, die umfangreiche Ausstattung und zahlreiche Vorgänge, die außerhalb eines Ortsverbandes kaum jemand wahrnimmt. Es sind keine Aufgaben, die spektakuläre Bilder liefern. Ein Fahrzeug, das fristgerecht zur Prüfung kommt, wird selten fotografiert. Eine vollständig geführte Geräteakte erst recht nicht. Auch ein rechtzeitig bestelltes Ersatzteil schafft es normalerweise nicht in die Öffentlichkeit. Fehlt eines dieser Dinge, fällt es allerdings sofort auf. Bonacks Erfahrung aus seiner hauptamtlichen Tätigkeit war dabei kaum zu ersetzen. Er kannte die Fahrzeuge und Geräte. Er kannte aber auch die Verwaltung dahinter – und wusste, dass beides zusammengehört.
Seine jährlichen Dienststunden erreichten ein außergewöhnliches Maß. Fuhrpark, Ausstattung und Unterlagen verwaltete er mit großer Genauigkeit. Das konnte für andere bisweilen anstrengend sein. Im entscheidenden Moment war es jedoch unbezahlbar. Wer eine Rechnung, eine Geräteakte oder einen lange zurückliegenden Vorgang suchte, konnte sich ziemlich sicher sein: Joachim Bonack wusste entweder, wo das Dokument lag – oder warum es nicht dort lag, wo alle anderen bereits gesucht hatten. Sein Wissen behielt er nicht für sich. Er arbeitete neue Schirrmeister ein und vermittelte ihnen seinen Anspruch an Genauigkeit und Nachvollziehbarkeit. Auch um die große Liegenschaft des Ortsverbandes kümmerte er sich. Wenn Handwerker auf das Gelände kamen, war Bonack häufig zur Stelle. Arbeiten mussten besprochen, begleitet und später geprüft werden. Das alles geschah meist ohne großes Aufsehen. Es musste eben gemacht werden.
Von Karteikarten zu THWin
Als Joachim Bonack seine Tätigkeit im THW begann, bestand Verwaltung aus Schreibmaschinen, Papierakten und Karteikarten. Jahrzehnte später standen Computer auf den Schreibtischen. Excel-Tabellen ersetzten Listen, die THW-Software THWin wurde zu einem wichtigen Arbeitsmittel. Für Menschen, die mit Computern aufgewachsen sind, ist dieser Wandel schwer nachzuvollziehen. Man musste nicht einfach nur lernen, welche Taste zu drücken war. Die gesamte Arbeitsweise veränderte sich. Bonack wich dem nicht aus.
Noch 2015 nahm er an einem THWin-Lehrgang teil. Hinzu kamen Gefahrgutschulungen, regelmäßige Erste-Hilfe-Fortbildungen und ein Lehrgang für die Leitungs- und Koordinierungsstelle des Ortsverbandes. Auch auf einen vollständigen Impfstatus achtete er. Warum war ihm das so wichtig? Weil Einsatzbereitschaft für ihn nicht nur bedeutete, sich grundsätzlich zur Verfügung zu stellen. Wer aktiv sein wollte, musste auch die nötigen Voraussetzungen erfüllen. Das galt aus seiner Sicht unabhängig vom Alter und von der bereits vorhandenen Erfahrung. Vielleicht liegt darin ein wichtiger Teil seiner Leistung. Nicht in einer einzelnen großen Tat. Sondern darin, sich nie auf dem auszuruhen, was bereits erreicht war. Nun hat Joachim Bonack aus gesundheitlichen Gründen entschieden, in den Status eines Reserve- und Althelfers zu wechseln. Er selbst kam zu dem Schluss, dass er die Aufgaben des Schirrmeisters nicht mehr so erfüllen könne, wie es seinen eigenen Ansprüchen entsprach. Auch diese Entscheidung zeigt Verantwortungsbewusstsein. Viele Aufgaben hatte er bereits an andere Schirrmeister weitergegeben. Trotzdem gibt jemand, der über Jahrzehnte für Fahrzeuge, Ausstattung und Abläufe verantwortlich war, diese Arbeit nicht einfach von einem Tag auf den anderen ab.
Ein Lebenswerk ohne große Worte
Mit dem THW-Ehrenzeichen in Silber würdigt die Bundesanstalt weit mehr als eine lange Dienstzeit. Sie würdigt ein Lebenswerk, das von Fachwissen, Pflichtbewusstsein und außergewöhnlicher Beständigkeit geprägt ist. Joachim Bonack hat den Bau und den Fall der Berliner Mauer erlebt. Er erlebte die deutsche Wiedervereinigung, war im Auslandseinsatz in Zentralafrika und begleitete den Wandel des THW über mehrere Generationen hinweg. Von der Schreibmaschine bis zur digitalen Verwaltung. Vom einfachen Fuhrpark bis zu einer umfangreichen und technisch anspruchsvollen Ausstattung. Er fuhr und reparierte Fahrzeuge, verwaltete Material, führte Unterlagen, arbeitete andere Helfer ein und übernahm Verantwortung. Oft dort, wo Verantwortung vor allem eines bedeutet: viel Arbeit und wenig öffentliches Aufsehen. Manche Menschen fallen durch große Reden auf. Andere sorgen dafür, dass am nächsten Morgen alles funktioniert.
Der THW-Ortsverband Berlin Steglitz-Zehlendorf dankt Joachim Bonack für mehr als sechs Jahrzehnte im Dienst der Bundesanstalt, für seine Loyalität, sein Wissen und für die Maßstäbe, die er gesetzt hat. Ämter wechseln. Technik veraltet. Namen ändern sich, und irgendwann werden auch Akten geschlossen. Was bleibt, ist die Haltung, mit der ein Mensch seine Aufgabe erfüllt hat. Und das, was er an andere weitergegeben hat.
Joachim Bonack hat im Ortsverband Spuren hinterlassen. Sie werden bleiben.
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