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Als das Licht ausging: Wie das THW den Berliner Südwesten stabilisierte

Als das Selbstverständliche verschwand, wurde Hilfe sichtbar

Berlin. Der großflächige Stromausfall im Berliner Südwesten Anfang Januar 2026 war mehr als eine technische Störung. Er machte sichtbar, wie verletzlich eine hochgradig vernetzte Stadt ist – und wie entscheidend funktionierende Strukturen im Zivil- und Katastrophenschutz bleiben, wenn das Selbstverständliche plötzlich ausfällt.

Ausgelöst wurde der Ausfall durch einen vorsätzlich gelegten Brand an einer Kabelbrücke. In der Folge waren weite Teile von Steglitz-Zehlendorf betroffen. Für viele Menschen begann die Lage unspektakulär: kein Licht, kein Internet, eingeschränkte Heizungs- und Kommunikationsmöglichkeiten. Doch rasch zeigte sich, dass Strom weit mehr ist als Komfort. Er ist Grundlage für Sicherheit, Versorgung und öffentliche Ordnung.

Großschadenslage und operative Stabilisierung

Am 4. Januar 2026 wurde die Großschadenslage ausgerufen. Die Reparatur der beschädigten Strominfrastruktur erwies sich als technisch aufwendig und zeitintensiv. Parallel musste sichergestellt werden, dass kritische Einrichtungen weiterhin funktionsfähig blieben. In dieser Phase übernahm das Technische Hilfswerk zentrale Aufgaben im Einsatzgeschehen.

Im Schadensgebiet Berlin Steglitz-Zehlendorf setzte das THW insgesamt 22 Netzersatzanlagen ein. Diese versorgten im Verlauf des Einsatzes unter anderem Krankenhäuser, Alten- und Pflegeeinrichtungen, eine Tierklinik, temporäre Notunterkünfte sowie Einrichtungen des öffentlichen Personennahverkehrs mit Strom. Mindestens drei Aggregate wurden fortlaufend als taktische Reserve im Bereitstellungsraum des THW-Ortsverbands Steglitz-Zehlendorf vorgehalten, um auf kurzfristige Lageänderungen reagieren zu können.

Notstrom ist Organisation, nicht nur Technik

Die Bereitstellung von Notstrom ist kein punktueller Vorgang, sondern ein komplexer Dauerbetrieb. Er umfasst Transport, Aufbau, Einspeisung, Überwachung, Wartung und eine gesicherte Kraftstofflogistik – oft über mehrere Tage hinweg. Um diese Aufgaben zu bewältigen, bündelte das THW-Netzersatzanlagen aus dem Landesverband Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt sowie ergänzend aus dem Landesverband Bremen, Niedersachsen. Weitere Aggregate umliegender Landesverbände standen vorsorglich unter Einsatzvorbehalt bereit, um im Bedarfsfall kurzfristig nach Berlin verlegt werden zu können.

Diese operative Tiefe ist Ausdruck gelebter Vorsorge und funktionierender föderaler Zusammenarbeit im Bevölkerungsschutz.

Der Ortsverband Steglitz-Zehlendorf als Rückgrat des Einsatzes

Eine herausragende Rolle in diesem Einsatz kam dem THW-Ortsverband Berlin Steglitz-Zehlendorf zu. Der Ortsverband, 1952 gegründet und heute mit 188 aktiven Einsatzkräften einer der größten in der Region, ist seit Jahrzehnten fest im Berliner Bevölkerungsschutz verankert. Seine Stärke liegt nicht nur in der personellen Ausstattung, sondern in der Breite seiner Fähigkeiten – von Elektroversorgung über Notinstandsetzung und Logistik bis hin zu Führungs- und Unterstützungsaufgaben.

Im aktuellen Einsatz war der Ortsverband weit mehr als ein Einsatzort unter vielen. Hier wurde ein zentraler Bereitstellungsraum betrieben, von dem aus Kräfte, Material und Netzersatzanlagen koordiniert und flexibel in das Schadensgebiet verlegt wurden. Die Einsatzkräfte übernahmen Verantwortung in einer Phase, in der schnelle Entscheidungen, Erfahrung und Durchhaltefähigkeit gefragt waren. Die Professionalität, mit der die Helferinnen und Helfer über Tage hinweg arbeiteten, trug maßgeblich dazu bei, die Versorgung kritischer Einrichtungen stabil zu halten und die Gesamtlage beherrschbar zu machen.

Gerade in einer Krisensituation, in der technische Systeme versagen, zeigt sich die Bedeutung eines leistungsfähigen Ortsverbands, der nicht nur Material vorhält, sondern eingespielte Abläufe, Führungskompetenz und ein hohes Maß an ehrenamtlichem Engagement. Der Einsatz in Steglitz-Zehlendorf war dafür ein eindrückliches Beispiel.

Notrufannahmestellen als Rückgrat der Kommunikation

Eine besonders sensible Rolle übernahm das THW dort, wo reguläre Kommunikationswege nicht mehr zuverlässig funktionierten. Im Schadensgebiet betrieben Zugtrupps des THW neun Notrufannahmestellen für die Bevölkerung. Sie dienten als direkte Anlaufpunkte, als Schnittstellen zu Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten und als sichtbare Zeichen staatlicher Handlungsfähigkeit.

Die Standorte dieser Anlaufstellen wurden öffentlich kommuniziert, um Orientierung und Verlässlichkeit in einer angespannten Lage zu gewährleisten – ein oft unterschätzter, aber zentraler Beitrag zur Lageberuhigung.

Einsatzumfang und Zusammenarbeit

Über den gesamten Einsatzzeitraum hinweg waren insgesamt 1.023 Einsatzkräfte aus 34 Ortsverbänden des Technischen Hilfswerks eingebunden. Der Kräfteansatz wurde flexibel an die jeweilige Lage angepasst – ein Kennzeichen ehrenamtlich getragener Einsatzstrukturen, die skalierbar und zugleich belastbar sind.

Zu den Einsatzschwerpunkten zählten neben der Stromversorgung auch Fachberatung, Erkundung, Führung und Betrieb eines Bereitstellungsraums, der Aufbau von Notunterkünften, der Transport von Kraftstoffen und Aggregaten, Beleuchtungsmaßnahmen sowie die enge Zusammenarbeit mit der Bundeswehr, insbesondere zur Sicherstellung der Kraftstoffversorgung der Netzersatzanlagen.

Rückkehr zur Normalität und Lehren aus dem Einsatz

Am Abend des 9. Januar 2026 verlief ein Funktionstest des Stromnetzes erfolgreich. Gegen 21 Uhr wurde die Großschadenslage aufgehoben. Die Einsatzkräfte des THW wurden anschließend aus dem Einsatz entlassen, der Rückbau der Einsatzstellen und des Bereitstellungsraums erfolgte am Folgetag. Die zuvor ausgesprochenen Einsatzvorbehalte wurden aufgelöst.

Der Einsatz hat gezeigt, dass moderne Städte nicht allein von Technik abhängen, sondern von Menschen, die vorbereitet sind, Verantwortung übernehmen und auch unter außergewöhnlichen Bedingungen handlungsfähig bleiben. Das THW – und im Besonderen der Ortsverband Steglitz-Zehlendorf – war in diesen Tagen kein Akteur im Hintergrund, sondern ein stabilisierender Faktor, dort, wo Unsichtbares zuverlässig funktionieren musste.

Bilder: THW/ Daniel Hofmann, THW/ Viktoria Pfeiffer, THW/ Jan Holste