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Preußen liegt in Dahlem. Und das THW schaut genauer hin

Mehr als 35 ehrenamtliche Einsatzkräfte des THW-Ortsverbandes Berlin Steglitz-Zehlendorf haben das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz besucht. Es ging um Kulturgutschutz, Zivilschutz und um eine Frage, die erst einmal einfach klingt: Wie bewahrt man Geschichte, wenn sie plötzlich verletzlich wird?

Es gibt Orte in Berlin, an denen Geschichte nicht laut auftritt. Sie liegt dort nicht im Scheinwerferlicht, nicht hinter großen Inszenierungen, nicht als Kulisse für den schnellen Blick. Sie ruht. In Kartons, Regalen, Mappen und Magazinen. Einer dieser Orte liegt in Dahlem: das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Hier lagern Urkunden, Akten, Amtsbücher, Karten und Pläne, Bilder und Siegel. Rund 35.000 laufende Meter Archivalien sind es. Würde man diese Bestände aneinanderreihen, käme man ungefähr von Dahlem bis zum Fernsehturm. Eine Zahl, die man erst einmal sacken lassen muss.

Für die Helferinnen und Helfer aus Steglitz-Zehlendorf war dieser Besuch kein klassischer Ausbildungsabend. Keine Fahrzeuge auf dem Hof, keine Pumpen, keine Übungslage mit Absperrband und Einsatzauftrag. Stattdessen: Magazine, Archivkartons, Notfallplanung, empfindliche Bestände. Und doch war das Thema erstaunlich nah am Kern dessen, was das Technische Hilfswerk ausmacht. Vorbereitet sein. Auch auf Lagen, die selten sind, aber dann sehr schnell sehr bedeutend werden können. Denn Bevölkerungsschutz schützt nicht nur Infrastruktur. Also Stromversorgung, Verkehrswege, Keller, Dächer oder die Wasserversorgung. Manchmal schützt er auch etwas, das weniger sichtbar ist. Das Gedächtnis eines Landes zum Beispiel. Das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, kurz GStA, gehört zu den bedeutenden historischen Archiven Deutschlands. Seine Geschichte reicht weit zurück. Bereits 1282 wurde ein markgräfliches Archiv als Vorgängerinstitution erstmals urkundlich erwähnt. Das älteste heute dort verwahrte Archivale stammt sogar aus dem Jahr 1188: eine Urkunde über den Apostolischen Schutz für das Domstift Stendal. Seit dem 15. Jahrhundert befanden sich die Bestände im Schloss der neuen Residenz Cölln, dem späteren Berliner Stadtschloss. Seit 1803 trägt das Archiv den Titel „Geheimes Staatsarchiv“. „Staatsarchiv“, weil es für die oberste Ministerialebene Preußens zuständig war. „Geheim“, weil es ursprünglich zum Heim des Herrschers gehörte, also unmittelbar mit dem Herrscherhaus verbunden war. Seit 1924 befindet sich das Archiv in Dahlem, seit 1963 gehört es zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Heute ist das GStA ein historisches Archiv und zugleich das zentrale Verwaltungsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es bewahrt und erschließt Bestände, Nachlässe und Sammlungen, vor allem, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Grundlage dafür ist das Bundesarchivgesetz. Die Bestände dokumentieren zentrale Bereiche der brandenburgisch-preußischen Geschichte. Dazu gehören Unterlagen der Verwaltungs- und Justizbehörden Brandenburg-Preußens, der preußischen Parlamente, das Brandenburg-Preußische Hausarchiv der Hohenzollern, bestimmte Territorialüberlieferungen und Provinzialbehörden, vor allem aus den ehemaligen preußischen Ostprovinzen. Hinzu kommen Nachlässe, Familienarchive mit Bezug zu Brandenburg-Preußen, Unterlagen von Freimaurerlogen sowie archivwürdige Unterlagen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Auch die Dienstbibliothek ist beachtlich: etwa 190.000 Bände und rund 200 laufende Zeitschriftentitel.

Für die Einsatzkräfte aus Steglitz-Zehlendorf stand an diesem Abend aber weniger der historische Glanz der Bestände im Mittelpunkt. Es ging um eine sehr praktische Frage: Was passiert, wenn dieser Ort plötzlich zur Einsatzstelle wird? Wasser, Feuer, Gebäudeschäden, Stromausfall oder ein Einsturz können Archive innerhalb kurzer Zeit bedrohen. Dann geht es nicht mehr um Forschung im Lesesaal, sondern um Sicherung, Bergung, Verpackung und Transport. Und um Entscheidungen unter schwierigen Bedingungen. Welche Bereiche sind zugänglich? Was ist beschädigt? Was muss gesichert werden? Wie bewegt man empfindliches Archivgut, ohne es zusätzlich zu gefährden? Genau hier kann das THW eine wichtige Rolle übernehmen. Mögliche Aufgaben reichen vom Bergen gefährdeter Bestände über das Sichern beschädigter Bereiche bis hin zum Transport empfindlicher Objekte aus Schadensstellen. Das klingt zunächst technisch. Ist es auch. Aber eben nicht nur.

Wie konkret eine solche Aufgabe werden kann, zeigte der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im Jahr 2009. Das THW war dort rund zwölf Wochen im Einsatz, um verschüttetes Material zu bergen und abzutransportieren. Unter den Trümmern lagen nicht einfach Papier und Akten. Dort lag Stadtgeschichte. Und wer einmal vor Archivkartons steht, versteht ziemlich schnell, dass dieser Satz nicht pathetisch gemeint ist. Bei der Führung wurde auch ein Unterschied zwischen Museen und Archiven besonders deutlich. Museen arbeiten in der Notfallplanung häufig mit Prioritätenlisten. Was ist besonders wertvoll? Was muss zuerst geborgen werden? Bei Archiven ist diese Betrachtung anders. Archivgut ist grundsätzlich im Zusammenhang zu sehen. Nicht der Marktwert oder die Bekanntheit eines einzelnen Stücks entscheidet, sondern sein Quellenwert und seine Bedeutung innerhalb der Überlieferung. Eine Akte steht selten nur für sich allein. Sie gehört in eine Ordnung. Wird diese Ordnung zerstört, geht mehr verloren als Papier. Die Führung wurde von Ingrid Kohl geleitet. Sie ist Leiterin des Referats Bestandserhaltung am GStA und Vorsitzende sowie Sprecherin des Notfallverbunds Berlin-Brandenburger Archive. Dieser gilt als größter und ältester Notfallverbund seiner Art. Archive, Bibliotheken, Museen und weitere Kultureinrichtungen unterstützen sich darin gegenseitig, wenn Kulturgut bedroht ist. Der Gedanke dahinter ist schlicht, aber ziemlich realistisch: Keine Einrichtung kann eine große Schadenslage allein bewältigen. Kulturgutschutz braucht Vorbereitung, Fachwissen, Material, abgestimmte Abläufe und Partner, auf die man sich im Zweifel verlassen kann. Im Archiv selbst stehen dafür mehrere sogenannte Notfall-Bereitschaftsboxen bereit. Darin befindet sich Material, das bei einer Schadenslage sofort benötigt wird, etwa zur Erstversorgung, Sicherung und Verpackung beschädigter Archivalien. Gerade bei Papier, Pergamenten, Siegeln, Karten oder gebundenen Akten können die ersten Stunden entscheidend sein. Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen, Schimmelgefahr und mechanische Belastung setzen empfindlichem Archivgut schnell zu. Auch die Gebäude selbst spielen eine Rolle. Viele Archive befinden sich in historischen Bauten. Diese Häuser haben einen eigenen kulturellen Wert, müssen aber zugleich erhalten, saniert und modernisiert werden. Jede Sanierung kann bedeuten, dass empfindliches Archivmaterial umgelagert werden muss. Jeder Transport birgt Risiken. Für Einsatzkräfte ist es deshalb hilfreich zu verstehen, wie sensibel solche Bestände sind und wie eng technische Hilfe und konservatorisches Fachwissen zusammengehören.

Nach dem großen Stromausfall im Berliner Südwesten im Januar lag für die Steglitz-Zehlendorfer Helferinnen und Helfer außerdem ein weiterer Punkt nahe: Wie ist ein Archiv technisch abgesichert? Gibt es Möglichkeiten zur Stromeinspeisung? Welche Gebäudeteile wären besonders kritisch? Welche Systeme müssen weiterlaufen, damit Klima, Sicherheit und Überwachung funktionieren? Gerade Archive sind auf stabile Umgebungsbedingungen angewiesen. Ein Stromausfall kann dort nicht nur den Betrieb stören. Er kann empfindliche Bestände gefährden. Der Besuch im Geheimen Staatsarchiv steht in einer Reihe mit einem weiteren Fachtermin des Ortsverbandes. Bereits beim Besuch im Museum für Naturkunde Berlin hatten sich Helferinnen und Helfer aus Steglitz-Zehlendorf mit dem Schutz wissenschaftlicher und kultureller Sammlungen beschäftigt. Der Bericht dazu ist auf thw-steglitz.de veröffentlicht. Die Parallelen sind offensichtlich. Im Naturkundemuseum ging es um wissenschaftliche Sammlungen, im Staatsarchiv um historische Überlieferung. In beiden Fällen geht es um Objekte und Bestände, die nicht ersetzbar sind. Und in beiden Fällen reicht technisches Gerät allein nicht aus. Entscheidend ist das Zusammenspiel. Die Fachleute der Einrichtungen kennen die Bestände, ihre Empfindlichkeit und ihre Bedeutung. Das THW bringt Fähigkeiten mit, die in einer Lage gebraucht werden: Bergen, Transportieren, Ausleuchten, Sichern, Führen, Koordinieren, Stromversorgung herstellen und logistische Abläufe aufbauen. Gleichzeitig zeigen beide Besuche, wie unterschiedlich Kulturgutschutz sein kann. Im Museum stehen oft einzelne Objekte im Mittelpunkt, deren Material, Größe und Wert stark variieren. Im Archiv geht es häufig um Masse, Ordnung und Zusammenhang. Eine Akte ist eben nicht nur ein Gegenstand. Sie ist Teil einer Struktur. Wird diese Struktur beschädigt oder zerstört, geht mehr verloren als der einzelne Inhalt.

Für den THW-Ortsverband Berlin Steglitz-Zehlendorf sind solche Termine deshalb mehr als interessante Einblicke in Berliner Institutionen. Sie zeigen, was einen aktiven Ortsverband neben Ausbildung und Einsätzen ausmacht: Neugier auf besondere Lagen, fachliche Weiterentwicklung, Kontakte zu Partnern und die Bereitschaft, auch dort hinzuschauen, wo technische Hilfe nicht sofort sichtbar ist. Der Ortsverband Steglitz-Zehlendorf ist regelmäßig in Einsätzen, Ausbildungen und Übungen gefordert. Doch gerade solche Fachbesuche machen deutlich, dass seine Stärke nicht nur aus motivierten Einsatzkräften, Fahrzeugen und Ausstattung besteht. Sie entsteht auch aus Erfahrung, Vernetzung und dem Verständnis dafür, wie vielfältig moderne Gefahrenabwehr inzwischen geworden ist.

Am Ende dieses Besuchs bleibt ein einfacher Gedanke. Archive bewahren nicht bloß alte Dokumente. Sie bewahren Verwaltungsgeschichte, Rechtsgeschichte, Familiengeschichte, Identität und Erinnerung. Wenn sie bedroht sind, geht es nicht um Papierberge in Regalen. Es geht darum, was eine Gesellschaft später noch über sich selbst wissen kann. Dass sich mehr als 35 ehrenamtliche Einsatzkräfte des Ortsverbandes Steglitz-Zehlendorf mit diesem Thema beschäftigt haben, sagt auch etwas über das THW im Berliner Südwesten. Ja, es geht um Pumpen, Strom, Logistik und Bergung. Aber eben nicht nur. Es geht auch um die Frage, was bleibt, wenn eine Schadenslage vorbei ist.

Manchmal ist das ein wiederhergestellter Stromanschluss. Manchmal ein gesicherter Verkehrsweg. Und manchmal eine gerettete Urkunde aus dem Jahr 1188.

Bilder: THW / Viktoria Pfeiffer